Donnerstag, 27. Dezember 2012

Löchrig wie ein Schweizer Käse oder die Wahrheit über V 1257



Die Wahrheit über Vogue 1257 ist wenig schmeichelhaft. In einem meiner Posts zum Weihnachtskleid-Sew-Along hatte ich ja schon angedeutet wie wenig kooperativ sich die Nähanleitung darstellt. Letztlich habe ich das Kleid nach eigenem Denken und Probieren zusammen genäht, zu unverständlich erschien mir, was ich da las.

Den Auftakt machten die kleinen 5x5-cm-Stoffstückchen zur Verstärkung der Ecken, jeweils auf der Schulter und unter der Achsel. Aufgenäht an der angezeichneten Nahtlinie waren sie schnell, wahrscheinlich sogar richtig gefaltet - soweit das auf der Anleitung erkennbar ist. Aber dann sollte der Stoff bis zur Ecke aufgeschnitten werden, eingeschnitten kann man sie kaum noch so schön falten wie abgebildet. Da stock ich also schon gleich zu Beginn - sollten beide Lagen oder nur das Kleid eingeschnitten werden? Und was geschieht weiter mit den Eckchen, wie werden sie eigenbunden in die Naht, wo wird genäht?  Darauf geht die Anleitung leider nicht ein.




Ich musste es selbst austesten, wie das gemeint sein könnte und habe eines aufgeschnitten, eines nur aufgeklappt, eines aufgeschnitten und aufgeklappt, eines so gelassen wie gefaltet. Aufgeschnitten und aufgeklappt - also nicht gefaltet -  brachte das zufriedenstellendste Ergebnis, alle anderen Versuche zeigten Spannung. Also habe ich mich entschieden, die Faltung wieder aufzuklappen und ebenfalls alle kleinen 5-cm-Quadrate einzuschneiden.
Im Nachhinein - jetzt wo ich schlauer bin - könnte ich sogar das kleine Bildchen neben der Ärmeleckchenbebilderung entsprechend interpretieren - ich hätte gleich mit Lupe lesen sollen. Andererseits heißt es dazu leicht widersprüchlich: Bügeln Sie Stoffrest auf die eingeschnittenen Kanten wie abgebildet. Ja was denn nun?
Einschneiden wie das Bild interpretiert werden kann
oder nicht wie es im Text steht
oder heißt das übersetzt: macht euer eigen Ding!?



Und überhaupt das Ärmeleinnähen: wieso kann eine so heikle Stelle nicht deutlicher gezeichnet und beschrieben sein? Muss man sich da auf  alle Teile zusammen nähen beschränken? (Genauer: ... stecken Sie die Ärmelkanten zusammen. Steppen Sie mit DOPPELSTICHEN, dabei machen Sie eine Kehrtwendung an kleinen Kreisen. Bügeln Sie die Nähte in das Rückenteil.) Ich hatte den Ärmelansatz gesteckt, geheftet, genäht, getrennt, gesteckt, geheftet, genäht, getrennt - bis sich trotz sorgfältigstem Fadenziehen und nähen mit neuen Jerseynadeln die ersten Löcher zeigten - im Stoff, nicht im Hirn. Böse Löcher. Übel, ganz übel sowas! Löchrig wie ein Schweizer Käse war eine Naht.
Irgendwann klappten die Nähte tatsächlich, sie liegen glücklicherweise jetzt etwas tiefer als die Löcher - von daher bin ich jetzt mit dem Gefriemel mehr als zufrieden. Die Armkugeln legen sich schön, nichts bollert, nichts zuppelt und zieht. Glück gehabt oder - wie meine Familie meinte - das Glück ist mit dem Tüchtigen - Lupe und Nahtauftrenner meine wichtigsten Utensilien.


Apropos Armkugel und Ärmel - die Ärmel sind verflixt eng. Trotz nachgebendem Jersey. Trotz weniger vernähterNahtzugabe als angegeben (nur knappe o,5 cm statt der angegebenen 1,5). Anfangs hatte ich beim Tragen ein recht unangenehmes Wurstpellengefühl, durch die Wärme hat sich der Stoff mitterweile etwas geweitet - hoffentlich schnurrt er nicht allzu sehr ein beim Waschen.



Mistig fand ich auch die Stelle mit den Falten im Rockvorderteil. Die Falten selbst waren schnell gelegt und abgesteppt, auch die Ausschnitte für das Raffband, die Schlinge, war kein wirkliches Problem. Das Zusammenfügen und Ineinandergefummel laut Anleitung war für mich nicht nachvollziehbar - Nähen ist immer auch Kopfarbeit.
Die Masse Stoff passte leider nicht unter die Overlock, die streikte angesichts der Stoffmenge an dieser Stelle.


Kurios war in diesem Zusammenhang auch dieses Detail der Anleitung:

Nachdem ich nun schon einiges an Ungereimtheiten erlebt hatte, wollte ich mal wieder Punkt für Punkt vorgehen und begab mich auf die Suche nach A und B. Auf meinem rauskopierten Schnitt war kein Vermerk, auf dem Originalschnitt auch nicht. Irgendeine Bedeutung mussten Fett-A und Fett-B doch haben! Schon klar, ich weiß es jetzt auch: es heißt einfach ab. "Steppen Sie ....wie abgebildet ab". Heidebim aber auch.
Den fetten A und B bin ich dann noch einige male begegnet, jetzt halten sie mich nicht mehr davon AB einfach weiter zu nähen.
Zu meinem Kleid gibt es noch anzumerken: Außer den geheimen Schweizer Löchern im Innern der Armkugel hat der Ausschnitt zu meinem Leidwesen nicht ganz so toll geklappt wie gewünscht. Ich hatte wie angegeben ein Stück transparentes Gummiband auf den Besatz genäht, das hielt aber nur begrenzte Zeit den ihm zugedachten Zug, ich denke ich habe zu heiß darüber gebügelt, wahrschenlich hat es sich mit dem Besatz verschmolzen und ich kehre für die Zukunft zu normalem Gummiband zurück. Das ist halt leider etwas dicker!
Aber wenn ich das Kleid immer mal wieder ein kleines bisschen nach unten ziehe, dann sitzt der Ausschnitt für einige Zeit tadellos. Nur bewegen darf ich mich nicht allzu viel.Macht man ja auch nicht an Weihnachten.
Den Herzkasper bekam ich ganz zum Schluss als das Kleid fertig auf der Stange hing und ich im Vorbeigehen links, etwas unterhalb des Schlüsselbeins, einen feinen Haarriss sah. Sieht aus wie ein kleiner Schnitt, genau im Maschenlauf. Wahrscheinlich ein Materialfehler, der mir vorher nicht aufgefallen war. Ich werde eine zur Schlinge der Taille korrespondierende Blütenbrosche konstruieren und mein Kleid damit schmücken!

Bei allem Gemeckere - jetzt wo ich weiß wie es geht, was zu beachten und was zu ändern wäre überlege ich mir noch ein Kleid in schwarz zu nähen. Vorher schaue ich den Stoff genau auf eventuelle Materialfehler durch!

Kommentare:

  1. Hallo Friedrike,
    dem fertigen Modell sieht man/frau die genannten Schwierigkeiten nicht an. Dein Kleid sieht bildschön aus.
    LG, Inge

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  2. Hut ab vor so viel Durchhaltevermögen!! Ich hätte es wohl auf Nimmerwiedersehen in die Ecke gefeuert und in Jeans Weihnachten gefeiert. Gut das es Dir nicht so ging - das Kleid ist wunderschön.
    Liebe Grüße!
    Karina

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  3. Hallo Frederike,
    ich muss leider an dieser stelle die vogue-schnitte verteidigen!
    die vogue-schnitte im allgemeinen und insbesonderen designerschnitte von vogue sind die besten unter allen!grade die designerschnitte sehen sehr einfach von aussen aus,sind aber kompliziert von der konstruktion her und raffiniert in der verarbeitung.natürlich setzt das voraus,dass man nicht unbedingt als anfänger sich an diese schnitte ran macht.
    ein schnitt wird auf eine standardfigur mit standardmassen gefertigt und man kann nicht erwarten,dass ein schnitt aus unterschiedlichen stoffen, von verschiedenem gewicht und elastananteil immer gleich aussehen wird-je schwerer der jersey,desto mehr wird er unter dem gewicht des knottens nach unten gezogen.
    ich habe für meine kundin das kleid gemacht und sie hat sehr sehr kurzen oberkörper.also musste ich ordentlich am oberteil in der länge anpassen.die ärmel sind schon etwas knackig,aber da muss man auch vorgeschlagenen elastananteil berücksichtigen. aber die andere probleme,die du beschreibst habe ich nicht gehabt.
    ich hatte damals keinen blog aber hier kannst du die bilder meiner version angucken:
    http://club.season.ru/index.php?s=&showtopic=22264&view=findpost&p=539084

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    1. liebe Julia, danke für deine Auslassungen, aber deine Verteidigungsrede erscheint mir völlig überflüssig. Du scheinst einem Missverständnis zu unterliegen: Ich sage mit keinem Wort, dass Vogue-Schnitte keine guten sind. Schau doch das Kleid an, dann wirst du sehen, wie wunderbar es passt, wie gut es sitzt. Ich habe die nötigen Korrekturen vorgenommen, sie waren wohl überlegt und sie stimmen genau. Was ich hier schreibe ist ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist ja wunderbar, wenn du gleich verstanden hast, wie alles zusammenpasst, wenn du die kryptische Anleitung verstanden oder gar nicht gebraucht hast. Ich bin da vielleicht etwas langsamer und manchmal nicht ganz so fix, auch wenn ich schon seit über 40 Jahren alle meine Kleidung nähe. Ich bin also kein Anfänger, wie in einem deiner Sätze indirekt anklingt. Trotzdem hatte ich so meine Schwierigkeiten. Ausschließlich mit der Anleitung, keinesfalls mit dem Schnitt oder meinem Können. Du siehst ja das Ergebnis.
      Es gibt vielleicht Frauen, die sich auch dieses Kleid nähen wollen und die durchaus dankbar sind für eine Einschätzung. Vielleicht schaffen sie es ja ohne Probleme oder mit ganz anderen als meine es waren. Ich war auch schon dankbar, wenn ich über eines meiner Nähvorhaben im Vorfeld lesen konnte. Mit eine Absicht dieses Posts war also auch zu zeigen, dass sich Durchhalten lohnt. Aber auch, dass selbst gute und teure Schnitte mitunter eine fehl zu interpretierende Anleitung haben können, diese Tatsache lässt sich nicht aus der Welt schaffen, die habe ich schwarz auf weiß. Die Anleitung leidet unter schlechter Übersetzung, da brauchen wir nicht drüber zu diskutieren. Sie ist damit in guter Gesellschaft, nicht umsonst wird immer wieder öffentlich gefordert, dass Anleitungen von Leuten getestet werden sollten,die mit der Erstellung derselben nichts zu tun haben.
      Wo also liegt das Problem?
      Vielleicht erschien dir der erste Satz meines posts etwas provokant - das ist verständlich, aber sozusagen journalistische Freiheit. Wenn du bis zu Ende gelesen hast, dann müsste dich spätestens der letzte Satz davon überzeugen, wie gut mir das Kleid gefällt, wie gut es sitzt: ein größeres Kompliment als diesen Schnitt nochmals nähen zu wollen fällt mir nämlich nicht ein.

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    2. ich lese immer alles zu ende:-)
      dein kleid habe ich auch schon in dem post davor gelobt;-)
      ich wollte lediglich darauf hinweisen,dass hgrade desigenr schnitte bei vogue anspruchvoll sind, das geht aus der konstruktion hervor.
      wie lange man näht-spielt dabei erlich gesagt laut meiner erfahrung gar keine rolle.dagegen WAS man näht- spielt doch ne rolle. je komplizierter die projekte sind, desto einfacher kommt man dahinter,insbesonderen,wenn man sich mit konstruktionen auseinander setzt.
      nimms nicht persönlich, so wars auch nciht gemeint. es war mehr erklärung warum das so ist.
      trost meiner ü25jährige erfahrung verzichte ich grade bei designerschnitten nie auf die anleitung,auch wenn ich auch ohne machen könnte, denn ich gehe immer davon aus,dass ich was neues dazu lerne.

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  4. Kompliment! Fürs Durchhalten und für das außergewöhnliche Kleid. Fühl dich trotz enger Ärmel wohl drin, denn es steht dir gut.
    Und viel Erfolg beim zweiten Modell...

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  5. Ohje,das list sich ja zum verzweifeln.Dein Ergebnis ist aber toll und tragbar geworden.
    Dies Anleitung hätte ich auch nicht richtig verstanden.Schade das die Ärmel so eng geworden sind
    LG Bettina

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