Sonntag, 4. November 2012

"K" wie Krise und wie Karin

Vorrede:

Wenn ich einen Mantel nähe, brauche ich mich um Krisen nicht zu sorgen!

Diverse Krisen und deren Bewältigung

 

Der Krise erster Teil - Manteldepression

Die Mantelnähkrise - eher eine Manteldepression - liegt hinter mir. Sie zeigte sich zunächst als eine gewisse Unlust ob des warmen Wetters. Durch gutes Zureden meinerseits und einen gewissen Zeitdruck andererseits blieb ich dem Vorhaben aber immer ein kleinwenig verbunden.  Irgendwie lähmte mich bis jetzt der Sew-Along: normalerweise bin ich schneller; durch das Strecken der einzelnen Nähabschnitte auf viele Wochen verbummlte ich wertvolle Zeit ohne sie wenigstens für andere Nähvorhaben genutzt zu haben.
Den ultimativen Näh-Schubser bekam ich jetzt durch Karins Einladung zum gemeinsamen Mantelabstecken und Weiternähen.

Hier könnt ihr das Ergebnis unserer Gemeinschaftsaktion schon einmal vorweggenommen sehen. Bis es soweit war, dauerte es einige Stunden, mehrere aufgetrennte Nähte, viel Bügeln und Dämpfen, viel Wissen und einiges Nachmessen. Es waren Stunden voll routinierter Konzentration, Karins bewährtem Rundum-Sorglos-Paket - Tee und Mittagessen inclusive - viel Lachen und fotografieren. Ein stimmig-schöner Tag, bis hin zur email mit freudiger Nachricht am Abend und diesen bereits bearbeiteten Bildern am nächsten Tag.

Und so ging es los:
Ganz ohne was getan zu haben wollte ich nicht bei ihr auftauchen und  habe deshalb in recht kurzer Zeit noch das Futter zusammen gesetzt, den Kragen vorgearbeitet und die beiden Ärmel zusammen genäht. Schließlich galt es, die gemeinsame Zeit so sinnvoll wie nur möglich zu nutzen, da wollte ich mich nicht mit Allerweltsnähten aufhalten müssen.

Ich gab der Manteldepression keine weitere Zeit sich auszuweiten und fuhr diese Woche wie gesagt talaufwärts zu Karin. Einen kleinen Abstecher von ihr entfernt besorgte ich mir Schulterpolster und genügend Vlieseline, da sie es im Gegensatz zur Vogue-Schnittanleitung von Vorteil findet, die Vorderteile doch leicht zu verstärken.

So ausgerüstet kam ich bei ihr an. Und wir gingen postwendend ans Werk:



Erste leichte Passform-Veränderungen erreichten wir gleich schon mit dem provisorischen Einschieben der Schulterpolster, so sitzt der Mantelrohling schon viel besser. Wenn ich nun noch die 1,5 cm Nahtzugabe bedenke, brauche ich die Schulternaht tatsächlich nicht mehr zu verkürzen. Der Vergleich von linker zu rechter Schulter zeigt deutlich den Unterschied: einmal mit einmal ohne Schulterposter.



Danach ging es ans Abstecken der Seitennaht.



Noch nicht ganz glücklich mit der Passform steckte sie mir in der rückwärtigen Mitte noch zwei Zentimeter ab. Schön tailliert und trotzdem genügend Platz - super, diese zwei Hände an meiner Rückseite.


Der Krise zweiter Teil - Auftrennarbeiten

Die Absteckerei musste auf die Innenseite übertragen werden, die Vorderteile mit Vlieseline bebügelt.



Wir entschieden uns für die Abmess-Auftrenn-Methode: genaues Maßnehmen der noch einzuhaltenden Weite (2,5 cm) plus der schon gehefteten Nahtzugaben (1,5 cm) ergeben pro Seitennaht 4cm neue Nahtzugabe. Wenn ich jetzt zusammenrechne, was ich aus den Nähten noch rausnehme, wundere ich mich schon, warum ich seitlich einen halben Zentimeter zugeben sollte. Ich werde bei zukünftigen Projekten wieder zum Einzelteil-Ausmessen zurückkehren und mich nicht auf die Angaben des Herstellers verlassen.
Danach wurde der Maschinenheftfaden aufgetrennt und die Vorderteile in der oberen Hälfte mit Vlieseline verstärkt.



Der Krise dritter Teil - Atmen verboten

Jetzt erneut genäht, alle Teile mit Normalstich. Fast alle, den Rücken sparten wir noch aus. Denn zu meinem Schreck schien der Mantel durch die Vlieseline-Dämpferei geschrumpft und enger geworden. Mit Luft anhalten würde er aber auch weiterhin noch gut passen.
Hallo and welcome back, der Frust würde sich am liebsten gleich wieder einnisten - aber keine Chance! - wir schnitten die Nahtzugabe zurück, nicht ohne die Tascheneingriff zu berücksichtigen


und dämpften die Nahtzugaben auseinander. Die neuerliche Anprobe zeigte gleich: der Mantel war zu seiner ursprünglichen Form zurückgekehrt, ich durfte wieder atmen und Karin konnte die Nadeln erneut ins Rückenteil stecken. Ihrem Gesicht sah ich  an, dass sie sicher war, dass das so kommen würde, ließ mich aber meine eigenen Erfahrung machen, jetzt weiß ich es für die Zukunft aus eigenem Erleben: Nahtzugaben zurückschneiden und bügeln sind richtig wichtig!!!!

Also, zurück Marsch-Marsch und die Rückennaht enger nähen, dämpfen, probieren, dann Nahtzugaben zurückschneiden. In dieser Reihenfolge.

Der Krise vierter Teil - ein Sack als Seitentasche

Nicht vergessen, jetzt noch die Taschen:


Sie scheinen ein bisschen groß, für was für Riesenhände sind diese Dinger? Zum Glück lassen sich Taschenbeutel leichter als so manches andere ändern.




An die stehengelassene Mehrweite der Nahtzugabe wollten wir die Taschenbeutel nähen. Fertig sehen sie so aus:



und fertig mit mir so:



Der Krise fünfter Teil - kommt erst noch

Die Frage nach der Länge habe ich noch nicht schlussendlich klären können, muss aber wegen meiner Futterteile-Schusselei drei Zentimeter abnehmen. Wenn ich dann noch den Saum abziehe, komme ich annähernd an die von mir momentan favorisierte Länge. Von kniekurz habe ich mich verabschiedet, das friert zu sehr.



Übereinstimmend fanden wir beide, dass die hintere Gehfalte bei der Weite des Mantels nicht zwingend notwendig ist, ich wollte sie eh nicht haben und fürchte die Zugluft, also bleibt jetzt die rückwärtige Naht bis zum Saum zusammen genäht. So gefällt mir die Rückansicht richtig gut, auf dem Bild hier noch mit Nadeln im Rücken.



Es fehlten am Ende des halben Nähtages noch die Ärmel, Futter, Kragen und die Vollendung mit Knopf und Knopflöchern. Dafür bin ich wieder auf mich allein gestellt. Da es aber so gut voran ging diese Woche, habe ich einfach weiter gemacht:
Die Taschen verkleinert, versäubert und an den vorderen Seitennähten fixiert.
die Ärmel eingesetzt:




Dieser Arbeitsschritt verlief ganz krisenfrei - im Ärmeleinsetzen bin ich nämlich krisenfest.
Vor Jahren bekam ich von einer Schneiderin in einem Kurs erklärt, wie man hohe Ärmel einsetzt -  ganz ohne den gerne empfohlenen Kräuselfaden. Das gelingt mir mittlerweile richtig gut bzw. weitaus besser als mit Faden, was ich kürzlich feststellen konnte, als ich in einer kleinen Umnachtung in die Kräuselfaden-Methode zurück verfiel.




Die rückwärtige Naht des Futters habe ich bis unten durchgenäht, den vorderen Beleg ans Futterteil, den hinteren ans Rückenteil, die Mehrweite beachtet - sie liegt als kleine Falte in der Mitte - und an den Aufhänger gedacht.

Der Krise sechster Teil - fehlgeleitet und vernäht

Mit dem Beleg im Futterrückenteil war mir zunächst ein kleines Malheur passiert. Ich habe es wie früher bei der Schneiderin meiner Kinder- und Jugendtagen gesehen, auf das Futter gelegt und festgesteckt. Das macht aber nur Sinn, wenn man wie Frau B. den Stoff entsprechend zuschneidet: sie schnitt das Futter bis zum Kragen, dann einen Beleg, nähte diesen auf und schnitt das Doppel des hinteren Futterstoffs weg. Bei meinen eigenen Schnitten habe ich das auch immer so gehandhabt und kam deshalb gar nicht auf die Idee, dass man den Beleg tatsächlich rechts auf rechts legt und mit dem Futter "nur" zusammensteppt. Um's kurz zu machen: die Schulternähte waren unterschiedlich breit, ich irritiert und griff zum Telefon. Karin, die gute Seele, wird mir schon helfen können!! Ich berichtete, sie fragte nach - besonders hartnäckig nach dem rückwärtigen Beleg. Allmählich lichtete sich mein Dunkel: mir wurde klar, wo was falsch gelaufen war. Telefonieren hilft.
Wer eine solche Freundin hat, braucht sich um Fehlstiche nicht zu sorgen.
Da ich ja geübte Auftrennmeisterin bin, war das Problemteil bald richtig angenäht, die Schulternaht in der passgenauen Breite und ich konnte weiter machen. Puh!!! Glück gehabt, dieses mal hatte ich noch nichts "Überflüssiges" weggeschnitten.



Danach kamen die Ärmel ins Futter. (Sieht so unperfekt aus, weil noch nicht gebügelt. Bügeln schiebe ich gerne vor mir her, erst wenn es sein muss, greife ich zum Eisen.)
Und der Kragen an den Halsausschnitt.




Jetzt muss noch das Futter in den Mantel.
 Vorher aber noch ein letztes Bild zur "PASST"-Kontrolle:




Soweit bin ich bis heute gekommen:





Jetzt muss ich nur noch: Ärmel kürzen, Saumhöhe festlegen, Säume nähen, Knöpfe und Knopflocher nähen, Krisen kriegen. Ich glaube, dann bin ich fertig. Ich könnte jetzt schon darin wohnen!!!

Da zu viele Krisen gar nicht gesund sind, zum Schluss noch

Mein Fazit: 

Krise war gestern - heute ist Mantel.


Das war ein ausnahmsweise fotolastiger langer Post. Ausgleich für die letzten Sonntage. Ich hatte manches nachzuholen an verbummelten Zeiten sowie vorzuarbeiten, bin ich doch nächsten Sonntag statt beim Manteltreff im Nünberger Land. Und das ganz ohne Krise.


Wieviele Krisen es bisher im Wintermantel-Sew-Along gab und Tips zu deren Bewältigung gibt es bei Catherine zu lesen.

Mein ausdrücklicher Dank geht ans Krisenmanagement im oberen Kinzigtal.

Kommentare:

  1. Liebe Friederike,

    wie gerne habe ich dir bei dieser Krisenbewältigung geholfen, zu zweit wird vieles doch viel einfach, nicht wahr!? Und dein Mantel sieht jetzt schon richtig klasse aus!!!!

    Ganz liebe Grüße und allseits wieder bereit für solch schöne Nähtage!!
    Karin

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  2. Mirjam4.11.12

    hui, daß du den Ärmel ohne Kräuselung einnähst, meine Achtung!. Ich kämpfe immer damit, nähe aber auch nich so viel. Kannsts du nicht mal nen post schreiben und erklären wie das geht?
    Super Mantel, wollte ich noch sagen. Bin schon gespannt, wie er fertig aussieht.
    lg
    Miri

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  3. Anonym4.11.12

    sehr spannend zu lesen und auch unterhaltsam. Viele Fotos machen den Post abwechslungsreich. Der Mantel wird super, soviel ist jetzt schon klar.
    lieben Gruß, Kathi

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  4. Liebe Friederike,

    Dein Mantel sieht schon jetzt toll aus. Den Rest schaffst Du jetzt auch noch, ohne Krisen.
    Und um Eure Krisentage beneide ich Karin und Dich ein ganz kleines bißchen.

    Liebe Grüße
    Gabi

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  5. Ein Mantelpost mit vielen Bildern ist immer besonders schön! Da fühlt man sich fast beteiligt.
    Dein letztes Bild sieht ja schon fast nach Finale aus!
    LG
    Natascha

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  6. a) ich will auch eine Karin
    b) viele Bilder find ich toll, mach ich auch gern
    c) Dein Mantel sieht einfach toll aus, bin auf die Fertig-Bilder gespannt.

    Liebe Grüße
    Petra

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  7. Liebe Friederike,
    ich als Nicht-Kleider-Näherin bin einfach sprachlos ob soviel Arbeit, Geduld und Krisenbewältigung! Ich bewundere ja schon immer deine Kleider, aber ein "richtiger" Mantel .... boah! Sieht übrigens super aus!
    Ich wünsche dir noch viel Spaß und keine Krisen bei der Fertigstellung.
    Liebe Grüße, Rosi

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