Freitag, 23. November 2012

drei Schnitte - ein Kleid




Wenn sich dieVorstellung eines bestimmten Kleides bzw. eines bestimmten Schnittes im Kopf wie festgenagelt über eine lange Zeit hält, wird es Zeit die Umsetzung zu planen. Bei mir war die Vorstellung ein Kleid mit V-Ausschnitt, eventuell mit Wickeloptik-Oberteil, schlankmachender Taille durch viele Abnäher, lange Ärmel, weitschwingendem Rock und das ganze bitte aus winterwarmem Jersey.  Mein Kleid hier ist aus Romanit-Jersey, den ich vor mehr als einem Jahr für 4 Euro den Meter im Schwarzwälder Stoffhaus in Schramberg kaufte.
Ideen, wie ich diesen Wunschschnitt umsetzen könnte, hatte ich einige, doch dann kam mir der Zufall zu Hilfe - das Titelblatt des neuen Heftes "Meine Nähmode" versprach eine Näh-, Schnitt- und Konstruktionsgrundlage.



Ausschließlich wegen dieses Kleids hatte ich mir das Heft gekauft. Und wurde nur halb enttäuscht - man kann auch sagen: halb beglückt. Das ist Ansichtssache, denn Foto und Schnittzeichnung überzeugten mich mehr als die tatsächlichen einzelnen Schnittteile. Besonders das Rockteil missfiel mir: zu viele breite Falten, die bedrohlich aufzuspringen scheinen, besonders im Rückenteil an nicht vorteilhafter Stelle - oh ja, ich habe rechtzeitig Julias Post zu diesem Schnitt gelesen.



Also musste ein neues Rockteil her. Ein bewährtes. Weit schwingendes. Schmal anliegendes. Simplicity 7275.
Das war Änderung Nummer eins.
Dieses Rockteil liegt schön an und es wirft keine Sprungfederfalten.
Dann fanden die Ärmel des Original-Meine-Nähmode-Schnittes keine Gnade. Zu weit. Und bitte keine Falten oder Abnäher am Handgelenk, höchstens ein klein wenig gepufft am Oberarm, so wie beim Onion-Knotenkleid.
Das war Änderung Nummer zwei.



Weitere Änderungen betrafen die Passform. Zuerst musste ich laut Schnittmustermaße an jedes Seitenteil im Taillenbereich 1 cm zugeben, daraufhin konnte ich aber wieder 2 cm heraus nehmen. Wieso so oft die angegebenen Maße nicht mit meinen übereinstimmen verstehe ich nicht, werde mich aber beim nächsten Nähtreffen von Karin von ihr neu ausmessen lassen. Es ist vollkommen unwahrscheinlich, dass ich so viel abgenommen haben könnte, das müsste ich doch sehen! Wahrscheinlich stimmt mein Kleider-Schönheitsideal nicht mit dem der Schnittkonstrukteure überein. Jedenfalls habe ich das Kleid in der kritischen Taillenzone zweimal enger genäht: einmal die dazugegebenen Zentimeter wieder abgezogen und dann noch einige weitere in der hinteren Mittelnaht und an den Seiten. Jetzt liegt es taillentechnisch schön an und ich kann immer noch ganz gut ohne Reißverschluss rein und raus schlüpfen.



Das Kleid ist letztlich leicht zu nähen. Ich erlaube mir an vielen Stellen großzügigen Dilettantismus - also leichten Pfusch - aber nicht am Ausschnitt, die vordere Optik muss stimmen. Deshalb bin ich froh, dass der Faltenwurf  im Vorderteil ordentlich sitzt. Schnitt und Nähanleitung sind hier richtig gut und die Falten stimmen genau überein. Sie legen sich fast von selbst in die richtige Richtung. Einzig beim Einschieben des rechten Vorderteils ins linke musste ich nachlesen, wie dieses Detail genäht wird. Dieser Punkt verdient einen positiven Vermerk: gutes Anleitungsdetail. Ansonsten näht es sich, wie sich so ein Jerseykleid halt näht: ich habe es wie bei allen neuen Schnitten erst zusammen geheftet und die Passform kontrolliert, um es dann über die Overlock zu ziehen.

So weit so gut. Ganz ohne zu Nörgeln geht es aber nicht, womit wir beim "So-làlà"-Punkt angelangt wären:
Wie schon in früheren Meine-Nähmode-Hefte empfinde ich den Schnittbogen fast schon als Zumutung. Verwöhnt von Einzel- oder auch großzügigen Mehrgrößenschnitten nervt mich diese Vielzahl von Strichen und Linien ein ums andere mal mehr. Ich komme mir beim Verfolgen der einzelnen Linien vor wie auf einer Forschungsreise, verliere so manches mal den Weg in diesem Dschungel und lande dann in völlig anderen Kleiderteilen.
Dazu kommt, dass in der Übersicht der Schnittteile leider die mitunter wichtigen Passzeichen und Falten fehlen. Im Strichgewusel des Schnittbogens gehen sie fast völlig unter, ich musste mehrmals suchen, rein aus dem Wissen heraus, an welcher Stelle ein Zeichen sein müsste.

Zum Beispiel gibt es Passzeichen für die Taillenblenden am Rock- bzw. Oberteil. Und es gibt Falten im Rock, hinten wie vorn, Passzeichen an Ärmeln und Armausschnitten. Ich vermisse sie hier in der Kurzübersicht, habe sie letztlich aber alle gefunden - ich musste ja nur an unbekannten Stellen nach wichtigen Markierungen schauen!

Hätte ich - ja, hätte ich! - also, hätte ich die Anleitung gleich zu Beginn noch vor dem Herauskopieren des Schnittmusters durchgelesen, dann hätte ich nicht so viel zu suchen brauchen:  In der Schritt-für-Schritt-Anleitung sind die Passzeichen gut zu sehen. Aber wer macht schon den  zweiten vor dem ersten Schritt?

Und weil ich dank der Passzeichen schon mal dran war, habe ich eigens für diesen Post die Nähanleitung genauer angeschaut - Gebrauch habe ich ja wie gesagt kaum davon gemacht. Sie zeigt die wichtigen Nähschritte auf, kann aber, da sie themen- und modellweise vorgeht - also Vorderteile von Modell 30 bis 34, dann die verschiedenen Besätze, Rock und Taillenblenden - für weiteres Suchen sorgen.


Aber zurück zu meinem Kleid.
So làlà war am Mittwoch auch deshalb, weil mir der Ausschnitt zu weit war. Das Kleid drohte von der Schulter zu rutschen. Da habe ich gestern kurzerhand nachgebessert; den Beleg abgetrennt und die hintere Mittelnaht nochmals verjüngt. Jetzt liegt der Ausschnitt schöner an.



Die abfallende Schulternaht - auf dem Foto mit der Rückansicht oben gut zu sehen - habe ich auch um einen Zentimeter angehoben, auch sie sitzt jetzt besser:


Die Halsbelege hatte ich nur umgebügelt und mit kleinen Handstichen an den Nahtzugaben punktuell festgenäht. Richtig bügeln ist ganz wichtig, das Teil hält tatsächlich seine Form.

Ein echter Kritikpunkt für mich ist das vordere Erscheinungsbild. Schauen wir uns das Titelblatt an, so können wir sehen, dass die Taillenblende die Ansatznaht Oberteil-Rockteil verdeckt.


Ich hatte die gültigen Passzeichen gefunden, habe die Taillenblende richtig gelegt, ausprobiert, ob zu viel Spannung oder zu wenig - auch hierfür hatte ich geheftet und musste leider feststellen, dass im wirklichen Leben das Teil nicht an besagter Stelle bleiben mag. In der Theorie ja, in der Praxis nein, da ich ständig in Bewegung bin und dadurch die Blende verrutscht.



Entweder ich höre auf mich darin zu bewegen oder es wird eines dieser Kleider, die immer wieder in Form gezuppelt werden wollen - wie lästig. Oder aber ich stichle mit wenigen blauen unsichtbaren Handstichen das Taillenband noch an die Naht. Ein ander mal ...

Insgesamt - bei aller Nörgelei, die sich in meinem Fall ja hauptsächlich auf die Nähanleitung und das Schnittmustergewusel bezieht - bin ich zufrieden mit dem Kleid. Eigentlich ist es kein "So-làlà"-Objekt, sondern ein gut sitzendes, bequemes, nicht auftragendes Kleid. Meine Mühe und meine Änderungen haben sich gelohnt. Ich kann in Serie gehen ... Olàlà!
Nachdem ich mit diesem Schnitt durch alle Änderungen durch bin, möchte ich mir jetzt noch die Wasserfall-Variante nähen und dann noch ein Kleid mit ebensolchem Vorderteil, doch gekräuselt statt Falten gelegt. Ich bleibe bei Jersey, bzw. Romanit. Das Kleid kann man nach den Angaben im Heft auch aus nichtelastischem Stoff nähen,  benötigt dann aber einen Reißverschluss.

Nach den vielen Details nun zum Schluss noch ein Bild vom ganzen Kleid:


Rockteil Simplicity 7275
Ärmel: Onion-Knotenkleid
Rest-Kleid und Vorlage: Nr. 30 Meine Nähmode 4/2012

Kommentare:

  1. Ausgezeichnet! Habe mir alles durchgelesen, wie du das Modell für dich perfektioniert hast. Da hast du ganze Schneiderarbeit geleistet! Die Rückansicht gefällt mir auch ausgesprochen gut.
    Superbe, das Kleid! :)
    Dass der Schnitt, obwohl nach deinen Maßen abgenommen, zu weit ausfiel liegt womöglich am Material? Ich weiss von Julia (sewing galaxy) dass die Russinnen neuerdings dazu übergegangen sind Jerseykleider ohne Nahtzugabe zuzuschneiden. Früher haben sie immer eine Größe kleiner genommen.

    Liebe Grüße
    Immi

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  2. Das Kleid ist wie so viele Kleider von dir wirklich sehr, sehr schön. Ich mag deinen Stil sehr.
    Vera

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    1. liebe Vera, du kommentierst immer wieder bei mir zu meiner Freude. Hast du eigentlich einen blog? Und wenn ja, wie kann ich den finden?

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  3. Hallo Friederike!

    Ganz begeistert bin ich auf deinem Blog und in diesem Post gelandet!

    Das Kleid steht bei mir als nächstes Projekt an! Deine Ausführungen habe ich deshalb besonders interessiert gelesen. Witzig find ich, dass du ebenfalls das Rockteil vom Simplicity 7275 Kleid entlehnt hast - das hab ich auch so auf meinem Plan.

    Wie so oft bei Simplicity-Schnitten ist die Grösse einfach ZU GROSS... ich werds mir, auch diese Mal, und auf deinen Hinweis hin, zu Herzen nehmen!

    Wo ich hier so sitze und schreibe, in meinem Winter-Simplicity Kleid 7275, wärmt es mir das Herz, von einer so engagierten Nähfrau zu lesen!

    Ich wünsch dir weiterhin viel Spass bei deinen Projekten, und grüsse dich herzlich!

    Tina

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  4. Ich habe ganz fasziniert deine ausführliche Beschreibung gelesen. Das fertige Ergebnis sieht toll aus, aber der Weg dahin scheint ein sehr steiniger gewesen zu sein. Danke Dir ganz herzlich für Deine Ausführungen
    Judika

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