Mittwoch, 20. Juni 2012

Crepe und Mitternachtsnähen

Ein sommerliches Wickelkleid wollte ich schon lange nähen und meine innere Stimme korrigiert mich sogleich: schon immer. Mit Crepe fand ich einen schönen Schnitt, bei Stoff und Stil einen passenden Stoff.  Crepe-Colette aus rotem Stoff mit weißen Pünktchenblümchen.



Die Umrechnung meiner Maße in amerikanische Größe, ausschneiden und nähen hatte ich recht schnell erledigt. Danach fing ein einwöchiger "Probelauf" an:
Tagsüber trug ich das Kleid, innen unfertig und nicht versäubert: ein Probezustand, um zu testen, wie ich mit den Abnähern und der Weite des Oberteils zu recht kommen würde. Denn die irritierten mich gewaltig. Sowohl ihr Sitz als auch ihre Größe und Länge. Ich maß mich nochmals nach, sogar mit Luftanhalten, ließ mich schließlich fremdvermessen und rechnete erneut in deutsche Größe um, aber die Maße stimmten.
Ich testete also das Kleid tagsüber und abends, vielmehr nachts, als die anderen Familienmitglieder bereits schliefen, trennte ich sowohl Oberteil von Rockteil als auch die Abnäher wieder auf. Tagelang bzw. nächtelang ging das so. Die Abnäher wurden versetzt, verkürzt, nochmals verkürzt, einmal als Falte genäht, das nächste mal als Falte nur gelegt, einmal gekräuselt. Tüten wurden verkleinert, Spitzen abgeflacht. Und jedesmal am Tag begutachtet und ausgeführt. Zu Fuß, mit dem Rad und mit dem Auto. Einkaufen, Kaffeehaus sitzen, Besuche. Keiner störte sich an einer der Versionen - bis auf mich.
Zum Glück ist der Stoff von guter Qualität, sonst hätte er die groß angelegte Trennerei nicht überlebt.
Nach einer Woche war ich mir ganz sicher, dass das Oberteil niemals figurnah sitzen würde, dass das auch gar nicht in der Absicht des Schnittes liegt schaut man sich das Bild genauer an, dass ich einen Kompromiss mit mir finden musste und dass ich es vorläufig mit den verkürzten Abnähern fertig  nähen wollte. Kein Mensch schaut so kritisch wie ich selbst. Versichert mir meine Familie. Danke. Die meint es gut mit mir. Aber das ist nur einerseits ein Trost, denn wenn ich nicht einig bin mit dem Genähten, ziehe ich es nicht an!
Was für ein Albtraum, der schöne Stoff!!!



Das war im letzten verregneten Spätsommer - also Mitte August 2011. Mittlerweile ist ein neues Jahr und Frühsommerwetter. Das Kleid hing lange genug im Schrank um endlich herausgeholt und gezeigt zu werden und wisst ihr was? Mir gefällt's. Es muss sich nicht verstecken: Mein Albtraum-Kleid verpuppte sich über die lange Winterzeit. Vor mir im Schrank hing dieses Jahr ein Kleid, in dem sich träumen lässt, eines das verspricht: Zieh mich an und es ist Sommer!!!
Es ist sommerlich in Schnitt und Farbe, ich könnte es zu jedem Stadtbummel anziehen, sehe mich schon jetzt von Düften und Farben berauscht angeregt über südfranzösische Wochenmärkte schlendern, genüssliches Flanieren in südlichen Städten oder Dörfern, gemütliches Sitzen in Straßencafés oder beim Picknick in ländlicher Idylle - es würde immer passen. Es windet und weht und flattert außerdem herrlich beim Radfahren, lässt sich gut kombinieren mit Jäckchen oder Shirt, es macht Taille und gute Laune. Ich fühle mich darin nicht overdressed, aber immer gut angezogen und erlebe Urlaubsgefühle schon daheim. Der Schnitt - aber vielmehr noch mein Kleid - bekommt von mir die Gold-Edition-2011-Auszeichnung. Noch mehr Gründe brauche ich nicht, um es jetzt sofort in die Reisetasche zu packen.


Farblich stimmt übrigens keines der Bilder so ganz, das Kleid ist richtig rot, also weder so "erdig" wie auf dem letzten Bild noch so pinkig wie oben.

Ein letztes mal vor der Sommerpause treffen wir uns wieder bei Cat zum wöchentlichen MeMadeMittwoch.
liebe Catherine,
für die Idee des MMM und die wöchentliche Einladung in dein "Wohnzimmer", wie du einmal so schön die Treffen in deinem Blog beschrieben hast, möchte  ich mich herzlich bedanken. Ich würde mich freuen, wenn der MeMadeMittwoch in dieser oder anderer Form bestehen bleibt und wünsche dir erholsame Ferien.

Kommentare:

  1. Oh - das Kleid steht dir ganz fabelhaft!
    Toll!

    Lg, katrin

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  2. Toll geschrieben, mir geht es mit manchen Kleidern auch so. Die müssen sich erst verpuppen, obwohl ich den Verdacht habe, es liegt an mir. Manchmal muß ich erst in ein Kleid reinwachsen. Du hast da auf jeden Fall ein wunderschönes Sommertraumkleid.
    LG, Claudia

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  3. ...das sieht wirklich nach Sommer aus...und ab und zu muss Frau sich erst an ein Kleid gewöhnen...oder das Kleid sich an die Frau...und wenn das Kleid dann fast durchgewetzt ist, ja dann wird das Kleid immer zu einem Lieblingskleid...

    LG Pünktchen Punkt

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  4. Das Kleid brauchte einfach noch den Winterschlaf.... Jetzt freut es sich wahrscheinlich, dass es gerne getragen wird. Und das solltest du, denn es ist wirklich schön. Aber ich kenne ihn natürlich auch, den kritischen Blick.... Und manchmal nervt er wirklich.
    LG Rita

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  5. wunderschönes Kleid !!!
    Ich muss ein genähtes Kleidungsstück auch erst "eintragen", "begutachten", vor allem "bewegen" usw. Das braucht Zeit. Es ist gar nicht gesagt, dass Selbstgenähtes sich dann auch an einem selbst bewährt. Es sind immer Welten zwischen Nähentschluß und Endergebnis. Interessant, dass es anderen auch so ergeht!
    LG
    Helga

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